Fish´n´Blues Spezial

 

Kneipe: 17.00 Uhr
Fisch: 19.30 Uhr
Musik: 20.30 Uhr
Eintritt frei


The Marble Man

Als im Jahr 2007 Sugar Rails, das Debutalbum von The Marble Man erschien, waren die Kritiker durch die Bank wie vom Donner gerührt. Denn die Songs des damals 18 Jahre jungen Josef Wirnshofer aus Traunstein im Chiemgau künden nicht nur von Talent. Sie vereinen Souveränität und Leichtigkeit, also Eigenschaften, die man normalerweise nicht von einem Abiturienten erwartet. Drei Jahre später folgt mit „Later, Phoenix“ Album Nummer zwei. Darauf befinden sich Songs, die allesamt als Blaupause für zeitloses Songwriting herhalten könnten. Aus ihnen sprechen ein Ernst und ein Fatalismus, die man auch einem 21-Jährigen kaum zutraut. Mit Later, Phoenix hat The Marble Man ein klassizistisches Songwriting-Album vorgelegt. Die Strophen sind gedrechselt, die Refrains sind geschnitzt.

Nun also Haidhausen, Album Nummer drei. Sofort erkennt man die Handschrift des Josef Wirnshofer, dennoch scheint alles anders zu sein als auf den Vorgängeralben. Wieder sind die Songs handwerklich über jeden Zweifel erhaben. Jeder Akkord ist sinnvoll, jede Note gehört an ihren Platz. Die Stücke folgen sämtlich einer inneren Logik. Waren Sugar Rails und Later, Phoenix schon über weite Strecken sparsam instrumentiert, so hören wir auf dem dritten Album von The Marble Man keinen Ton zuviel. Hier ist die Musik ganz und gar dem Song verpflichtet. Verspieltheit und Ornamentik finden praktisch nicht statt. Wohl aber klangliche Opulenz, Tiefgang und Gewicht. Hier ist alles zwingend, nichts klingt leicht oder nett.

Der kompromisslose Purismus dieser Produktion, die wunderschönen und meist todtraurigen Songs, der rauchige Schmelz von Wirnshofers Stimme, all das macht dieses Album zu etwas ganz Besonderem. Die Schnörkellosigkeit der Arrangements verwundert umso mehr, als dies zum ersten Mal ein echtes Band-Album ist. Zwar hat Josef Wirnshofer wieder alle Songs im Alleingang geschrieben, instrumental ausgearbeitet wurden sie aber von der fünfköpfigen Band im Proberaum. Dies hat vor allem mit den ausgiebigen gemeinsamen Live-Erfahrungen zu tun, die die Band auf vielen Konzerten in den letzten Jahren gesammelt hat. Im Juli 2013 spielten The Marble Man u.a. eine Live Session für die renommierte Londoner Song Plattform Daytrotter. Produktion und Livemusik sind für sie mit der Zeit zu einer Einheit geworden. Sämtliche Stücke auf Haidhausen wurden live eingespielt. Entscheidend für diese Produktion ist die Qualität der Aufnahmen, nicht etwa ein aufwändiger Mix. Bei einem warmen, erdigen Gesamtklang ist so der ungeschliffene Bandsound erhalten geblieben.

Josef Wirnshofer ist ein genauer Beobachter und ein milder Zyniker. Seine Texte verweigern sich narrativen Zusammenhängen, stattdessen sind sie Musikalität und Ästhetik verpflichtet. In ihnen reihen sich Szenen und Aphorismen assoziativ aneinander. Gedanken und Eindrücke werden in ihrer Prozesshaftigkeit abgebildet. Wirnshofers Sprache ist oft bildhaft, sein Gesang immer eindringlich. In einem aufschlussreichen Inspirationsverzeichnis legt er offen, aus welchen Quellen er während der Aufnahmen an Haidhausen geschöpft hat. Und macht damit deutlich, dass auch The Marble Man seine Songs nicht im luftleeren Raum schreibt. Eine stoische Rhythmusgruppe erdet die schlichten Harmonien bei Serenade. Im Titelstück baut sich ein beklemmender Unterdruck auf, der gleich darauf von einem beißenden Orgelton zersägt wird. Es folgt mit deutlichem Augenzwinkern Space Study, das vielleicht leichteste Stück des Albums. Die E-Gitarre bei In The Trees Of The Surreal wiederum lässt an das Klagen ruheloser Geister denken, während es bei The Smartest Of All Thieves klare Melodiebögen sind, die sich über der transparenten Instrumentierung entfalten. Auf Haidhausen stehen Atmosphäre und Ausdruck im Vordergrund, keine verspielten Arrangements. Das Ergebnis sind schwergewichtige Songs, melancholisch, raumgreifend und von einer stillen Größe.