Aporia #01: Die Zukunft der Arbeit in der KI-Ära
Aporia #01: Die Zukunft der Arbeit in der KI-Ära
Braucht der Mensch Arbeit? Und wenn ja: welche?
Einlass: 18:30 Uhr | Beginn: 19:00 Uhr
Ablauf: zweimal 60 Minuten Debatte mit 30 Minuten Pause, danach offener Austausch bei Getränken und Snacks
Eintritt frei, Anmeldung über Luma: https://luma.com/br1sdmg5
Mehr Infos und Kalendereintrag: https://aporia.westphal.ai
1930 sagte John Maynard Keynes voraus, dass die Menschen hundert Jahre später mit fünfzehn Stunden Arbeit pro Woche auskommen würden. Mit der generativen KI rückt dieser alte Traum näher, denn sie übernimmt gerade die geistigen Tätigkeiten, die lange als spezifisch menschlich galten. Ist ein solcher Zustand erstrebenswert? Und welche Arbeit braucht der Mensch noch, wenn die Maschine das Notwendige erledigt?
Aporia ist ein neues, offenes Debattenformat zwischen Philosophie, Technologie und Ethik. Max promoviert in Philosophie zu Zukunftsthemen, Marten beschäftigt sich schon lange mit den Technologien, die heute unsere Welt verändern, und hielt bereits 2018 seinen ersten Vortrag zum Einfluss von KI auf unsere Gesellschaft. Die beiden eröffnen die Debatte auf der Bühne. Wer mitdiskutieren möchte, schlägt per App eine eigene Position vor, und das Publikum wählt, wen es als Nächstes auf der Bühne hören will. Fragen lassen sich auch anonym über die App stellen. Wer einfach zuhören möchte, ist genauso willkommen. Philosophisches Vorwissen braucht es nicht.
Das deutsche Wort „Arbeit“ geht auf das althochdeutsche arabeit und das mittelhochdeutsche ar(e)beit zurück, die „Mühsal“, „Plage“ und „Not“ bedeuten. Tatsächlich ist dem Menschen die Arbeit immer als Last vorgekommen.
Entsprechend wird Arbeit meist der Freizeit oder dem Spiel entgegengesetzt. Die Freizeit gilt als die Zeit des Tages, in der der Mensch über sich selbst verfügt und gleichsam autonom ist. Das Spiel ist eine lustvolle Tätigkeit, die um ihrer selbst willen betrieben wird. Es ist nicht ernst und unterliegt in der Regel weder einer äußeren Leistungserwartung noch dem Gebot des Fortschritts. Das Spiel ist Überfluss. Nicht zufällig nennt man Ornamente an Kunstwerken „verspielt“: Sie zeigen, dass man es sich leisten kann.
Im Umkehrschluss erscheint Arbeit als etwas Notwendiges. Dabei geht es wohl weniger um die ökonomische Notwendigkeit, den Lebensunterhalt zu sichern, als um eine anthropologisch-existentielle Notwendigkeit.
Helmut Plessner begründet diese Notwendigkeit aus der exzentrischen Positionalität des Menschen. Weil der Mensch gezwungen ist, „das Leben zu führen, welches er lebt, d. h. zu machen, was er ist – eben, weil er nur ist, wenn er vollzieht – braucht er ein Komplement nicht-natürlicher, nicht gewachsener Art. Darum ist er von Natur, aus Gründen seiner Existenzform, künstlich. Als exzentrisches Wesen, nicht im Gleichgewicht, ortlos, zeitlos im Nichts stehend, konstitutiv heimatlos, muss er ‚etwas werden‘ und sich das Gleichgewicht – schaffen“ (Plessner 1975, S. 310).
Das Gleichgewicht mit seiner Umwelt, das ihm von Natur aus fehlt, muss der Mensch also erst herstellen. In diesem Sinne ist er zu ständiger Tätigkeit gleichsam verurteilt, denn „mit der Arbeit sucht der Mensch sich nur das zu verschaffen, was die Natur ihm schuldig bleibt“. Kultur und Technik sind nach Plessner eine „ontische Notwendigkeit“.
Der Mensch kann demnach nicht anders existieren denn als homo faber. Zugleich stellt sich die Frage, ob sein Wesen darin aufgeht. Gibt es neben dieser instrumentellen, jedoch existentiell notwendigen Dimension eine ebenso weitreichende Sinndimension der Arbeit? Oder ist der homo faber selbst nur Mittel zum Zweck einer höheren Existenzform des Menschen?
Im 21. Jahrhundert hat sich der Mensch mit der generativen KI ein Instrument geschaffen, das früher oder später das Potential hat, ihn von den meisten Formen der Erwerbsarbeit zu befreien. Anders als frühere Automatisierungswellen, die vor allem körperliche Arbeit ersetzten, betrifft sie gerade jene geistigen Tätigkeiten, die man lange für spezifisch menschlich hielt: Schreiben, Übersetzen, Analysieren und Entwerfen.
Damit scheint sich ein alter Traum zu erfüllen. Schon Aristoteles spielt in der Politik mit dem Gedanken, dass die Herren keine Sklaven mehr bräuchten, wenn jedes Werkzeug auf Befehl sein Werk verrichten könnte und die Weberschiffchen von selbst webten (Pol. I 4, 1253b33–1254a1). John Maynard Keynes sagte 1930 voraus, dass die Menschen hundert Jahre später, also etwa heute, mit einer Arbeitswoche von fünfzehn Stunden auskommen würden. Das eigentliche Problem der Menschheit sah er dann darin, mit der gewonnenen freien Zeit sinnvoll umzugehen.
Ist ein solcher Zustand erstrebenswert?
Mit Plessner lässt sich noch grundsätzlicher fragen. Wenn der Mensch nur ist, indem er vollzieht, und wenn er sich das Gleichgewicht, das ihm die Natur schuldig bleibt, immer erst schaffen muss, kann ihm eine Maschine diese Aufgabe dann überhaupt abnehmen? Oder verschiebt sie sie nur? Vielleicht wird der Mensch sich neue Arbeit schaffen, weil er gar nicht anders kann. Vielleicht entdeckt er aber auch im Spiel, das wir eingangs der Arbeit entgegengesetzt haben, eine Form des Tätigseins, die über das bloß Notwendige hinausweist. Das wäre ganz im Sinne Schillers, für den der Mensch „nur da ganz Mensch [ist], wo er spielt“.
Vielleicht besteht die historische Bedeutung der KI nicht darin, dass sie den Menschen vom Tätigsein befreit, sondern darin, dass sie das menschliche Tätigsein von der Notwendigkeit der Wirkung entkoppeln könnte. Wo die Technik zunehmend übernimmt, was getan werden muss, könnte menschliches Hervorbringen stärker zu dem werden, was getan wird, weil der Mensch sich darin ausdrückt.
Braucht der Mensch also Arbeit? Und wenn ja: welche?
